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2. HERANGEHENSWEISE: MUSIKHISTORIE

Um aber zu der auditiven Ebene ein analoges visuelles Gesetz zu entwerfen, muss viel mehr gewusst anstatt nur erahnt werden. So wie auch der Komponist beim Komponieren nicht nur einfach seinem ästhetischen Empfinden freien Lauf gibt, sondern sich mit seiner Arbeit zu seiner Zeit auch mit den Werken seiner Kollegen auseinandersetzt, denen bewusst zustimmt oder widerspricht, sich von älteren Künstlern beeinflussen lässt und wieder darauf Bezug nimmt. Neben den Recherchen über grafischen Notation flossen deshalb auch musikhistorische und -wissenschaftliche Nachforschungen in die Arbeit ein. Aussagen von Steve Reich (*1936) selbst sowie von den Kollegen, John Cage (1912–1992), Luciano Berio, Stockhausen und Vorläufer Edgar Varèse (1883–1965) spielen eine wichtige Rolle für das Verständnis der Richtung, die Music for 18 Musicians eingeschlagen hat.

«Ein bestimmtes Material kann einem nahelegen, welcher Art von Prozess es unterworfen werden soll (Inhalt bedingt Form), und bestimmte Prozesse können einem nahelegen, welche Art von Material ihnen unterworfen werden soll (Form bedingt Inhalt). Wenn der Schuh passt so trage man ihn.»

«Das Spezifische an musikalischen Prozessen ist, dass sie sowohl das detaillierte Verhältnis von Note zu Note als auch die Gesamtform regeln.»

«Das Kristall ist sowohl durch eine bestimmte äussere Form als auch durch eine bestimmte innere Struktur zwiefach charakterisiert. Die innere Struktur basiert auf der kristallinen Einheit, welche die kleinste Atomgruppierung darstellt, die die Anordnung und Zusammensetzung der Substanz aufweist. Die Ausdehnung dieser Einheit in den Raum bildet das ganze Kristall. Aber trotz der relativ begrenzten Varianz von inneren Strukturen sind die äusseren Formen von Kristallen unbegrenzt. Kristallform ist selbst eine Resultante, eher denn ein primäres Attribut. Kristallform ist die Konsequenz der Interaktion von Anziehungs- und Abstossungskräften und der geordneten Einbindung des Atoms».
– Nathaniel Arbiter

MUSIK ALS GRADUELLER PROZESS

Mit dem Ausdruck «Musik als gradueller Prozess» meint Steve Reich weniger den Prozess des Komponierens sondern vielmehr die Musikstücke, die selber Prozesse darstellen. Auch er zieht Vergleiche zu Prozessen im menschlichen Alltag, um die Gradualität zu erklären: das Rieseln von Sand in einer Sanduhr, eine angestossene Schaukel, die langsam zum Stillstand kommt, Wellen, die Füsse allmählich im Sandstrand begraben. Er entdeckt, experimentiert mit Prozessen und komponiert musikalisches Material mit klaren tonalen Zentren, das er ihnen unterwirft. Wenn der Prozess jedoch feststeht, so läuft er ganz von allein ab. Steve Reich akzeptiert das Ergebnis. Er ist daran interessiert, den Kompositionsprozess und die erklingende Musik zur Deckung zu bringen. Damit dieser Prozess aber für den Hörer ganz wahrnehmbar ist, muss er laut Reich extrem graduell verlaufen und total kontrolliert sein. Die klanglichen Details sollen jeglichen Intentionen entschwinden und nur noch ihren eigenen akustischen Gesetzen genügen.

«Bei der Ausführung und beim Zuhören gradueller musikalischer Prozesse kann man an einem ganz speziellen, befreienden und unpersönlichen Ritual teilhaben. Die Hingabe an den musikalischen Prozess ermöglicht eine Lenkung der Aufmerksamkeit weg vom Er, Sie, Du und Ich, hinaus zum Es.»
– Steve Reich

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